Wohnungsnot, auch für Frauen

Ich komme aus Leverkusen. Andere sagen aus dem Kölner Speckgürtel. Normalerweise, widerspreche ich dann vehement. Wir sind natürlich kein Vorort von Köln, sondern eine Großstadt in der Kölner Nachbarschaft. Und was die Chemie angeht: Da haben wir Weltrang. Auch wenn unsere Chemieindustrie nach der Explosion der Sondermüllverbrennungsanlage aktuell viel zu erklären hat.

von Eva Lux, .
8. März 2022,

Doch zurück zum Speckgürtel. Denn wenn´s ums Wohnen, dann stimmt das schon mit dem Speckgürtel. Die Mieten, Grundstücks- und Eigenheimpreise steigen bei uns unter dem Druck des Kölner Wohnungsmarktes rapide an. Und obwohl ich weiß, dass es in Köln und Düsseldorf 10 mal schlimmer ist: Die Wohnungsnot ist bei mir in Leverkusen angekommen.


Wohnungsnot als soziale Frage


Es ist eine schlimme Entwicklung, dass die Preise auf dem Wohnungsmarkt sich völlig von der Lohnentwicklung entkoppelt haben. Die Mieten steigen, doch das Gehalt steigt nicht mit. Die Gründe sind vielfältig: Die Urbanisierung, das billige Geld auf der Suche nach Rendite im Betongold, die vielerorts vor Jahren verscherbelten kommunalen Wohnungsunternehmen. Und aktuell treibt mich als Landespolitikerin natürlich besonders der stetige Verlust an mietpreisgebundenen Wohnungen um. Hier hat die schwarz-gelbe Landesregierung leider auf ganzer Linie versagt.


Die Wohnungskrise betrifft vor allem die Ballungsräume. Und das Problem wird größer. Denn das Wachstum der großen Städte ist kein Livestyle-Problem stadtverliebter Ästheten. Der Zustrom in die Zentren liegt schlicht daran, dass es hier Arbeitsplätze, Ärzte und Universitäten gibt. Und nicht jeder kann sich sein Haus auf der grünen Wiese leisten, Niedrigzinsen Hin oder Her. Vor allem zu in der Ausbildung und zu Beginn des Arbeitslebens ist das für die wenigsten möglich.


Die Frauenfrage am Wohnungsmarkt


Doch die Wohnungsnot betrifft einige Gruppen stärker als andere. Sie trifft vor allem prekär Beschäftigte, Familien, Frauen und besonders hart: Alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern. Über die Situation der Frauen am Wohnungsmarkt, möchte ich hier gerne etwas mehr sagen. Weil es mir wichtig ist und weil ich diese Perspektive selbst am besten kenne: Ich bin Frau und Mieterin und eine meiner Töchter wohnt und mietet sogar in Köln. Zur Vermieterin hat es bei uns noch nicht gereicht.


Kinder und Frauen zuletzt?


Bei der Wohnungssuche gilt entgegen aller höflicher Gepflogenheiten: Kinder und Frauen zuletzt. Das kann auch weiter nicht verwundern, schließlich heißt es Wohnungsmarkt. Und auf dem Markt kommt jeder klar, so er denn das nötige Geld hat. Doch ohne Moos ist bekanntlich nichts los. Wer die horrenden Preise nicht mitgehen, der wohnt halt einfach nicht. Was bei anderen Märkten kein Problem ist, weil man dann die Nudeln zum Beispiel durch Kartoffeln ersetzt, geht hier nicht. Denn was wäre die Alternative zu einer Wohnung? Ein Zelt auf dem Campingplatz? Und wie sollen Frauen, die im Schnitt deutlich weniger verdienen als Männer, die deutlich häufiger im Niedriglohnsektor arbeiten, die wegen der Kinder nur in Teilzeit arbeiten können, und die aus all diesen Gründen im Alter dann auch noch altersarm sind… ja, wie sollen diese Frauen mit ständig steigenden Mieten umgehen? Sie können es nicht. Wenn sie Glück haben, finden sie mit ihren Kindern eine temporäre Bleibe bei Freunden, Bekannten oder der Familie. Und genau das ist in den letzten Jahren geschehen.


Steigende Wohnungslosigkeit bei Frauen


Klassischerweise sind weniger Frauen als Männer wohnungslos. Doch seit einigen Jahren steigt die Wohnungslosigkeit unter Frauen stärker an als bei Männern. 2017 lag der Anteil der Frauen noch bei ca. 30%. 2021 lag er bereits bei ca. 35%. Allerdings ist das Dunkelfeld hier auch noch einmal größer als bei Männern: Frauen verstecken ihre Wohnungslosigkeit häufiger und tauchen deshalb auch seltener in der Statistik auf. Der starke Anstieg bei den Frauen macht mir deshalb besonders große Sorgen, weil wir das Ausmaß wahrscheinlich unterschätzen.

Erschwerend hinzu kommen die Folgen der Corona-Pandemie: Die Zahlen häuslicher Gewalt sind angestiegen. Und häusliche Gewalt ist eine Ursache weiblicher Wohnungslosigkeit. Zwar finden Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind, mit etwas Glück einen der raren Schutzplätze in den Frauenhäusern. Doch selbst dann droht ihnen noch der Fall in die Wohnungslosigkeit, weil viele sich in einer Situation ohne Einkommen befinden. Und der schlagende Expartner keinen Unterhalt zahlt. Versuchen Sie in dieser Lage mal eine Wohnung zu bekommen. Das ist wirklich nicht einfach.


Im Alter arm und kein Dach über dem Kopf


Auch Altersarmut ist natürlich kein reines Frauenthema. Völlig klar. Die Rente ist eine Baustelle, die uns alle betrifft. Aber Frauen sind von Armut im Alter stärker betroffen: Wegen Erziehungszeiten und Familie sind die weiblichen Erwerbsbiografien gebrochen oder die Teilzeitanstellung gibt einfach nicht genug her für eine auskömmliche Rente. Denn die Miete passt sich ja nicht an der Rente an. Und wenn man nach seinem Arbeitsleben die Wohnung nicht mehr leisten, guckt man sich nach einer kleineren Bleibe um. Nur um dann entsetzt festzustellen: Auch die kleinere Wohnung kann ich mir gar nicht leisten. Eine echte Sackgasse.


Für einen sozialen Neustart in der Wohnungspolitik


Egal welche Probleme Du im Leben hast, Du wirst immer ein Zuhause haben. Darauf muss sich Jede und Jeder verlassen können. Doch zittern aktuell zu viele Menschen vor der nächsten Mieterhöhung. Und das bedroht unseren Gesellschaftsvertrag. Dagegen setzen wir einen sozialen Neustart in der Wohnungspolitik.

Für den gerechten Wohnungsmarkt von Morgen haben wir in der SPD-Landtagsfraktion einen Plan gemacht und als Leitantrag in den Landtag eingebracht:

Bauen, aber sozial: Das ist am Ende der einzige Ausweg aus der Misere. Die Wohnförderung muss klare soziale Schwerpunkte setzen. Und das heißt: mehr Förderung von mietpreisgebundenem Wohnraum.

Die Bodenspekulation beenden: Laut dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung hat der durchschnittliche Baulandpreis zwischen 2010 und 2019 bundesweit um wahnsinnige 84 Prozent zugelegt. Dagegen setzen wir eine gemeinwohlorientierte Bodenpolitik, die wertvolles Bauland für neue und bezahlbare Wohnungen reserviert.

Der Mieterschutz muss wieder stark werden: Gerade jetzt. Die Durchlöcherung des Mieterschutzes durch die schwarz-gelbe Landesregierung war ein großer Fehler.

Den kommunalen und gemeinnützigen Wohnungsbau ankurbeln: Nur mit starken Kommunen und gemeinnützigen Wohnungsbauunternehmen gelingt beides: Mehr Wohnungen und bezahlbare Mieten.

Lasst uns also neustarten! Für die vielen Frauen, die unglaublich viel opfern für ihre Kinder und unsere Zukunft. Und für alle anderen, weil ohne Wohnung  wirklich niemand in Würde leben kann.

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