Mehr Zeit für Familie wagen

Für die meisten Frauen und Mütter endet der Arbeitstag nicht, wenn sie nach Hause kommen. Denn ab hier beginnt für viele eine weitere Phase ihres Arbeitsalltags – Die Fürsorgearbeit. Diese Fürsorgearbeit oder auch Care-Arbeit genannt, umfasst sämtliche Haus- und Familienarbeit. Vom Einkauf im Supermarkt über die Pflege von Angehörigen bis zur Betreuung der Kinder schließt sie alles ein. Sie ist anspruchsvoll und unwahrscheinlich vielseitig. Frauen werden dabei zur Erzieherin, Haushälterin, Seelsorgerin und vieles mehr zur gleichen Zeit.

von Regina Kopp-Herr, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion.
8. März 2022,

Allerdings wird diese Zeit nicht bezahlt und erhält meistens eine geringe Wertschätzung in der Gesellschaft. Um mehr Zeit für die individuellen Bedürfnisse der Familien zu haben, bieten sich haushaltsnahe Dienstleistungen an, um die Familien aber vor allem Frauen im Haushalt zu entlasten. Denn ohne diese Arbeit würde unser gesellschaftliches Miteinander nicht funktionieren. Familien sind äußerst relevant für das System, in dem wir leben. Hier lernen die Kinder im vertrauten Umfeld und legen den Grundstein für ein selbstbestimmtes Leben. Soziale Sicherheit ist besonders wichtig, dafür brauchen die Familien Zeit und Geld.


Die Pandemie zeigt Ungleichheiten


Insbesondere während der Pandemie zeigt sich das Ungleichgewicht in der Verteilung der Fürsorgearbeit in Familien. Dabei rücken Frauen verstärkt in das traditionelle Rollenbild der Hausfrau und Mutter, welches den Großteil der anfallenden häuslichen Aufgaben inklusive der Kinderbetreuung alleine schultert. Die Pandemie ist jedoch nicht der Auslöser dieser ungerechten Aufteilung. Stattdessen bringt sie das Ungleichgewicht zum Vorschein, welches bereits zuvor existiert hat und verstärkt dieses. Denn schon vor dem Corona-Ausbruch leisteten Frauen durchschnittlich mehr Fürsorgearbeit als Männer. Dieser Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern beschreibt die Gender Care Gap. Im Jahr 2019 zeigte sie, dass Frauen täglich 52,4% mehr unbezahlte Fürsorgearbeit leisteten als Männer. Die berufliche Selbstverwirklichung wird häufig zurückgestellt oder sogar ganz aufgegeben. Die Folge sind geringere Einkommen, die auch die Beteiligungschancen der Kinder mindern.


Klassische Rollenverteilung in Familien


Die Vorstellung von der traditionellen Arbeitsteilung hat die Gesellschaft nie ganz verlassen. In vielen Familien ist der Mann weiterhin derjenige, der sich hauptsächlich um das Einkommen kümmern soll. Während die Verantwortung für die Familie und den Haushalt immer noch bei der Frau gesehen wird. Verändert hat sich die Situation für Frauen nur in dem Sinne, dass sie nun aufgrund beruflicher Selbstverwirklichung einer Doppelbelastung ausgesetzt sind.

Ein Gleichgewicht zwischen Beruf und Familie herzustellen, kann sowohl körperlich als auch mental belastend sein. Hier einen Moment zu finden, in dem man kurz Zeit für sich nimmt, bleibt meistens auf der Strecke. Zusätzlich besteht für viele Mütter die Gefahr, dass sie aufgrund der Kinderbetreuung in die sogenannte Teilzeit-Falle rutschen. In einigen Fällen wird die Arbeit komplett aufgegeben. An dieser Stelle wird es schwer zurück in den beruflichen Alltag zu finden. Außerdem sorgt der Gehaltseinbruch für eine finanzielle Abhängigkeit von dem jeweiligen Partner. Dieser Einbruch führt auch dazu, dass die Altersvorsorge von Frauen gefährdet wird. Aufgrund der wenigen Arbeits- und Beitragsjahren fällt ihre Rente dementsprechend gering aus. Dadurch sind sie häufiger von Altersarmut betroffen. Aber auch Frauen, die im Beruf sind, kämpfen um bessere Bedingungen und Beförderungschancen. Hier könnte der öffentliche dienst vorangehen und die Verteilung der einzelnen Laufbahngruppen gerecht aufteilen. Auf sehr gute Einstiegschancen folgen leider schlechte Aufstiegschancen für Frauen.


Gleichberechtigte Fürsorge herstellen


Um Frauen von ihrer Doppelbelastung aus Beruf und Fürsorgearbeit, insbesondere der Kinderbetreuung, zu entlasten, braucht es eine gleichberechtigte Aufteilung der Aufgaben. Dies ist der unmittelbare Weg, den sich viele wünschen. Immer mehr Frauen möchten eine berufliche Selbstverwirklichung erreichen. Wohingegen sich immer mehr Männer nach mehr Zeit mit ihrer Familie sehnen. Um diesen Wünschen nachzugehen, müssen wir die notwendigen Strukturen schaffen.

Um Familien die Betreuungssituation ihrer Kinder zu erleichtern, braucht es eine Ausbauoffensive der Kindertagesbetreuung in Form von Bildungs- und Kindertagesstätten. Diese Einrichtungen müssen nicht nur von guter Qualität, sondern auch für alle Familien zugänglich sein. Hierfür wäre die Abschaffung der Kita- und OGS-Gebühren zunächst ein sinnvoller Schritt. Natürlich muss gleichzeitig auch für ausreichend und gut ausgebildetes Personal gesorgt sein. Darüber hinaus muss der Ausbau auch sozialgerecht organisiert sein. Dort wo die Hilfe am meisten gebraucht wird, muss sie am umfangreichsten geliefert werden. Wir müssen „Ungleiches ungleich behandeln“, damit nicht neue Ungerechtigkeiten entstehen. Kinder aus sozial Benachteiligten Familien, brauchen eine intensivere Förderung. Nur so kann echte Chancengleichheit gelingen.

Das allein ist jedoch nicht genug. Familienarbeitszeitmodelle ermöglichen den Einklang zwischen Beruf und Familie. Sie sind vollzeitnah und können partnerschaftlich aufgeteilt werden. Die Arbeitszeit wird um 20% reduziert, wodurch die Arbeitslast verkleinert wird. Damit weiterhin für den gleichen Lohn gesorgt wird, gibt es einen staatlichen Lohnausgleich.

Des Weiteren reduziert ein Recht auf Home-Office die Fahrzeit zur Arbeit. Dadurch entstehen mehr Freiräume seinen Alltag mit der Familie zu organisieren. Denn auch viele moderne Väter möchten ab der Geburt des ersten Kindes aktiv die Familienarbeit mitgestalten. Dieser Wunsch sollte anerkannt und gefördert werden, insbesondere von den Unternehmen. Eine möglichst gleichberechtigte Aufteilung der Fürsorgearbeit und Berufstätigkeit wünschen sich viele Mütter und Väter.

Das Familienleben lässt sich nur in einem angemessenen Wohnraum besonders gut gestalten.

Denn zu kleiner Wohnraum für Familien erhöht das Konfliktpotenzial. Dieses wird auf Dauer eine zusätzliche Belastung. Um das Problem zu lösen, muss der soziale Wohnungsbau gefördert werden. Familien mit Kindern dürfen bei der Wohnungssuche keine Steine in den Weg gelegt werden. Ausreichend Platz ist für das Aufwachsen der Kinder wichtig zahlt sich in vielen Bereichen aus. Mit ausreichend Platz wird das Home-Office auch zu einer realen Möglichkeit. Außerdem kann den Kindern ein Rückzugsort für sich selbst geboten werden.

Ein weiterer Punkt, den wir aufgreifen möchten, ist die haushaltsnahe Dienstleistung. Die Fürsorgearbeit beinhaltet eine umfassende Aufgabenanzahl. Um diese Aufgabenvielfalt zu verringern, kann eine haushaltsnahe Dienstleistung, welche sich z.B. um die Reinigung der Wohnung kümmert, für Abhilfe sorgen. Die daraus gewonnene Zeit, kann für andere Dinge verwendet werden.

Nichtsdestotrotz muss auch ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden, damit Fürsorgearbeit nicht mehr als alleinige Aufgabe der Frau angesehen wird. Dabei ist besonders die Beteiligung von Männern gefragt, Tätigkeiten im Haushalt zu übernehmen. Zusätzlich müssen wir anfangen Fürsorgearbeit als richtige Arbeit anzuerkennen. Ganz unabhängig davon, dass diese unbezahlt ist. Es wird Zeit, dass diese bedeutungsvolle und umfassende Arbeit endlich wertgeschätzt wird. Es wird Zeit, dass wir mehr Familie wagen.

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