Hebammen

Schwere Geburt: Hebammen bangen um Zukunft

Ohne sie sind Geburten in Deutschland undenkbar. Ohne Mediziner jedoch nicht. Nur eine der 20.000 Hebammen muss immer anwesend sein, wenn ein Baby zur Welt kommt. So steht es im Gesetz. Dennoch hängen immer mehr diesen Beruf an den Nagel. Das Problem sind die Haftpflichtversicherungen.

Diese Stunden werden ihr unvergesslich sein: Das Warten. Das In-sich-Hineinhorchen. Die Angst. Die Schmerzen. Am Ende: Ein erlösender Schrei. Manchmal vergehen dabei gut ein halber Tag und eine ganze Nacht. So lange dauert so manche Geburt. Vor allem die beim ersten Kind. Die Hebamme weicht der werdenden Mutter dann nicht mehr von der Seite. Vielleicht zum Schichtwechsel. Doch manchmal auch nach 16 Stunden noch nicht. Oft kennen sich die persönliche Geburtshelferin und die Schwangere bereits seit Monaten. Sie vertrauen sich gegenseitig in einem besonders emotionalen und intimen Moment, atmen und pressen zusammen.

Barbara Ahlers ist freiberufliche Beleghebamme am St. Vincenz-Krankenhaus in Datteln. Sie sieht die werdenden Mütter meist einmal im Monat; desto näher der errechnete Geburtstermin rückt, desto öfter. Die zierliche dunkelhaarige Frau schaut nach, ob sich alles richtig entwickelt, nimmt Blut ab oder hilft bei Beschwerden meistens mit Hausmitteln wie Kartoffeln mit Quark gegen Wassereinlagerungen, bestimmte Tees gegen zu hohen Blutdruck oder leichtem Sport gegen Kreuzschmerzen. Sie erklärt den Frauen vor allem genau, wie die Geburt abläuft, welche Handgriffe notwendig sind, was die Frauen gegen Verkrampfungen tun können. So begleitet Barbara Ahlers die werdenden Muttis von den ersten Wochen des Schwanger-Seins bis zum Durchtrennen der Nabelschnur und zum Wochenbett in der Klinik sowie anschließend bei der häuslichen Nachsorge. Die zierliche, dunkelhaarige Frau ist seit vielen Jahrzehnten mit Herz und Seele Hebamme.

Doch die Zeiten werden immer rauer: Wenngleich die Politik nun nochmals eine neue Gnadenfrist beschert hat von knapp anderthalb Jahren: Das Problem sind die bis ins Exorbitante gestiegenen Haftpflichtkosten. Viele freiberufliche Hebammen spielen deshalb seit vielen Jahren immer wieder mit dem Gedanken, die Geburtshilfe aufzugeben. "Kinder auf die Welt zu bringen, lohnt sich kaum noch", heißt es landauf, landab in Deutschland. Das trifft die Geburtshelferinnen ebenso wie die Frauenärzte. Seit 2003 haben sich die Versicherungsprämien mehr als verzehnfacht. Und zum 1. Juli machen die Beiträge einen erneuten Satz um 56 Prozent. Dann zahlen Hebammen wie Barbara Ahlers rund 5.000 Euro Versicherungsbeitrag im Jahr – so viel wie sie vielleicht in drei Monaten netto einnimmt. Für eine Geburt bekommt die gebürtige Nordrhein-Westfälin gerade einmal 240 Euro. Und dafür steht sie Tag und Nacht auf Abruf. Kino oder Theater kann sie kaum genießen. Jederzeit könnte ein Anruf kommen. Innerhalb einer halben Stunde muss sie bei der Schwangeren sein. Ihr Beruf ist extrem verantwortungsvoll mit einem Gehalt wenig über dem Mindestlohnniveau. Betroffen sind selbst die angestellten Hebammen, da die Prämien auch für die Krankenhäuser steigen.

Hebamme mit werdender Mutter bei Vorsorgeuntersuchung. (Foto: dpa/picture alliance)
Hebamme mit werdender Mutter bei Vorsorgeuntersuchung. (Foto: dpa/picture alliance)

Meist nicht mehr festangestellt

Der Beruf der Geburtshelferinnen – Männer sind die Ausnahme – hat sich gerade in den vergangenen Jahren sehr verändert; er ist selbstbewusster mit eigenen Entbindungskonzepten und professionalisierter geworden. Richtet sich zunehmend hin zur natürlichen Geburt und gegen die wachsende Medikalisierung sowie gegen Kaiserschnitte. Beleghebammen in Kliniken gehören heutzutage zur Normalität ebenso wie sogenannte Hebammenkreißsäle. Dort haben die Geburtshelferinnen das Sagen. Sogar erste Studiengänge haben sich für diesen Fachbereich entwickelt: an Fachhochschulen in Osnabrück und Bochum wird auf akademischem Niveau gebüffelt. Doch die Magie der Hebamme liege in der "hohen Kunst, möglichst wenig oder nichts zu tun", erklärt Barbara Ahlers. Statt die Geburt einzuleiten oder zu beschleunigen, ist es besser, abzuwarten. "Ich glaube einfach, dass unsere Arbeit eine ganz wichtige ist, die Frauen darin zu stärken, dass sie schon vieles selber können, aber auch bei Fragen – noch so komischen Fragen – einfach ihre Hebamme haben, die das leisten können. Aber wer soll das denn alternativ leisten?" Selbst ein Kinder- oder Frauenarzt etwa ist nicht rund um die Uhr erreichbar. Wenn Frauen wie Barbara Ahlers die Geburtshilfe aufgeben müssen, und in Anführungszeichen nur noch die Vor- und Nachsorge anbieten, dann werden die Haftpflichtpreise zwar geringer. Aber dann muss beispielsweise das St. Vincent Krankenhaus in Datteln seine Entbindungsstation schließen. Dort arbeiten mit Barbara Ahlers dreizehn weitere Hebammen. Allesamt als Beleghebammen, also freiberuflich. Um die Arbeit dieser adäquat über Festanstellungen abzudecken, bräuchte die Klinik nach eigenen Angaben mindestens 25 bis 30 Geburtshelferinnen.

Rund ein Viertel aller Kinder in Deutschland kommt mit der Hilfe solcher Beleghebammen auf die Welt. Nach Meinung der Hebammenverbände muss deshalb auch eine politische Lösung gefunden werden, um die Haftpflichtprämien beziehungsweise die Haftungsobergrenze auf Dauer abzusenken.

Horent gestiegene Versicherungsprämien

Momentan sind freiberufliche Hebammen für sechs Millionen versichert. Nicht, weil es so viele Geburtsschäden gibt. Aber die Schadenssummen sind extrem gestiegen. Seit geraumer Zeit können eben nicht nur Eltern Hebammen verklagen, sondern auch die Sozialversicherungsträger. Das heißt, Krankenkassen klagen recht zügig nach einem möglichen Schadensfall, um die kompletten Pflegekosten schon einmal pauschal zu sichern. Und der Rentenversicherungsträger fordert alle Renten ein, die das Kind im Laufe seiner Erwerbstätigkeit hätte einbringen können. Dazu kommen zudem noch Entschädigungszahlungen und Rentenbeträge für die pflegenden Eltern. Dieses Risiko ist den Versicherern zu hoch geworden, sie sind nach und nach ausgestiegen. Jetzt wäre Mitte 2015 der letzte verbliebene ebenfalls ausgestiegen. Was wiederum bedeutet hätte: Freiberufliche Hebammen hätten nicht mehr arbeiten dürfen – egal ob mit oder ohne Geburtshilfe. Ohne Haftpflichtversicherung ist ihre Arbeit komplett verboten.

Auf Druck der Regierung wird es nun doch eine Haftpflichtversicherung für freiberufliche Geburtshelferinnen geben. Allerdings nur befristet und zu einem hohen Preis. Die Gnadenfrist läuft bis Mitte 2016. Auf heftigen Druck der Bundesregierung hat sich eine Gruppe von mehreren Versicherern bereit erklärt, die Hebammen abzusichern. Nun geht es erst einmal weiter für sie – und damit auch für alle Geburtshäuser und die vielen ländliche Kliniken, die mit freien Hebammen arbeiten. Die Prämien sollen nach Informationen des Deutsche Hebammenverbandes (DHV) noch einmal um 20 Prozent steigen und würden dann statt derzeit 4.242 Euro mehr als 6.000 Euro pro Jahr betragen – viel mehr als viele Hebammen zahlen könnten, klagt DHV-Präsidentin Martina Klenk. 2004 kostete die Versicherung für die etwa 3.500 Hebammen, die freiberuflich Geburten betreuen, noch 1.352 Euro.

Der Nürnberger Versicherung war das Geschäft zuletzt zu heiß geworden, sie steigt zum Juli 2015 aus dem Konsortium mit der Versicherungskammer Bayern und der R+V aus, an dem sie mit 20 Prozent beteiligt war.   Auf Druck des Bundes springen nun wieder andere ein. Die Versicherungskammer Bayern, die als öffentlicher Versicherer zum Sparkassenlager gehört, übernimmt statt 50 Prozent künftig 55 Prozent – weil die übrigen öffentlichen Versicherer dieses Risiko rückversichern. Die fehlenden 15 Prozent für 2015/2016 teilt sich eine Gruppe von mehreren Versicherern.   Das Grundproblem ist mit der jetzt gefundenen einjährigen Verlängerung aber nicht aus der Welt, ist sich die Hebamme sicher. "Aber nun ist wieder genug Zeit, um eine vernünftige Lösung zu finden", sagt Barbara Ahlers.

Neue Möglichkeiten?

Diskutiert werden diverse Modelle: Für die Hebammen könnte eine Haftungsobergrenze eingeführt werden. Allerdings würden dann auch Ärzte und andere Berufsgruppen eine Obergrenze wollen, und für die Versorgung der Betroffenen oberhalb der Haftungsgrenze müsste ein staatlicher Fonds eingerichtet werden. Versicherer haben auch verlangt, dass die Krankenkassen per Gesetz gezwungen werden, keine Regressforderungen mehr zu stellen.   Die Bundesärztekammer hat bereits reagiert und schon gefordert, auch die Versicherungsbeiträge für Ärzte zu senken, vielleicht durch die Absenkung der Versicherungssteuer für die ärztliche Haftpflicht von derzeit 19 auf elf Prozent.   Nach Angaben der gesetzlichen Krankenkassen finden mehr als 98 Prozent der Geburten im Krankenhaus statt. Weniger als zwei Prozent sind außerklinische Entbindungen, davon lediglich 0,5 Prozent Hausgeburten.

Selbst versichern müssen sich auch ihre Kolleginnen, die freiberuflich in Geburtshäusern oder zu Hause ihre Hilfe bei der Entbindung anbieten. Ihre Zahl ist gering, wie der 2012 erschienene Bericht des Iges-Instituts im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums zeigt. Nur ein Fünftel der Freiberuflerinnen bietet Hausgeburten an, nur jede Zehnte ist zeitweise in einem Geburtshaus tätig. Die Nachfrage bleibt noch einmal hinter diesem Angebot zurück. Gerade 1,7 Prozent der Babys werden in Deutschland außerhalb einer Klinik geboren, in Berlin sind es rund vier Prozent.

Bei der aktuellen Debatte um die Versicherungen geht es indes nicht allein um die Anzahl der Hebammen, die außerklinische Geburtshilfe anbieten. Es geht auch um die Freiheit, den Geburtsort selbst zu bestimmen. Diese Wahlfreiheit ist gesetzlich festgeschrieben. Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte schließt sie auch das Recht auf professionelle Hilfe zu Hause ein.

Noch ein Problem mehr

Ein weiteres Problem: Heute werden die Mütter mit Kindern nach circa zwei Tagen aus dem Krankenhaus entlassen. Das war früher undenkbar. Die Frauen blieben fünf bis zehn Tage in der Klinik. Heutzutage prüfen die Hebammen das Gewicht der Neugeborenen, das Leben im Zuhause. Die Arbeitsbelastung sei um ein Drittel gestiegen, um auf den gleichen Lohn zu kommen, schätzt Barbara Ahlers. "Wir gehen zu den Frauen und den Familien nach Hause, das ist unsere Stärke." Es ist später Nachmittag. Barbara Ahlers denkt noch lange nicht an Feierabend, vielmehr geht sie nun wieder auf Tour zu ihren Wöchnerinnen und dann hat sie noch Schicht in der Klinik.

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