Lebensleistung der ersten Gastarbeitergeneration würdigen!

„Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“ (Max Frisch, 1965)

1955 schloss Deutschland das erste Anwerbeabkommen mit Italien. Es folgten Griechenland und Spanien (1960), die Türkei (1961), Marokko (1963), Südkorea (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und das damalige Jugoslawien (1968).

Die deutsche Wirtschaft war auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen, weil der anhaltende Wachstum mit einheimischen Arbeitskräften allein nicht mehr gestillt werden konnte.

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Die sogenannten „Gastarbeiter“ der ersten Anwerbegeneration trugen zum wirtschaftlichen Aufschwung bei, indem sie hauptsächlich in körperlich schweren Tätigkeiten im Bergbau, Baugewerbe und in der Stahlindustrie in Akkord- und Schichtarbeit eingesetzt wurden. Nicht zu vergessen ist auch die gerne unterschätzte Rolle der weiblichen Gastarbeiterinnen bis in die 1970er Jahre hinein, die bei klein- wie großindustriellen Branchen als „geschickte, willige und billige Arbeitskräfte“ begehrt waren und fast ein Drittel der Gastarbeiter in Deutschland ausmachten.

Von den circa 14 Millionen Menschen, die zwischen 1955 und 1970 als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, kehrte der weitaus größte Teil aufgrund des Rotationsprinzips zurück in ihre Herkunftsländer. Nach dem Anwerbestopp im Jahre 1973 arbeiteten noch circa 2,6 Millionen Arbeitsmigranten im Land, denen im Zuge der Familienzusammenführung das Nachholen ihrer Ehepartner und Kinder erlaubte wurde.

Mittlerweile leben Menschen in der 3. und 4. Generation in Deutschland, deren Familien- und Herkunftsgeschichte auf die oben genannten Anwerbeabkommen zurückzuführen ist. Die erste Generation ist im Seniorenalter angekommen und hat damit den größten Teil ihres Lebens in Deutschland verbracht. Deutschland und NRW sind unlängst Heimat für diese Menschen, ihre Kinder, Enkel- und Urenkelkinder geworden. Sie haben NRW mitgeprägt und sind Teil der heutigen vielfältigen Gesellschaft.

Insbesondere der ersten Generation der ehemaligen Arbeitsmigrantinnen und -migranten gebührt ein außerordentlicher Dank von Seiten der Politik und der Wirtschaft. Sie haben unter erschwerten Bedingungen gearbeitet und gelebt, ohne je von Integrationsmaßnahmen wie wir sie heute beispielsweise durch Integrations- oder Sprachkurse kennen, profitieren zu können. Die damalige Politik hatte schlicht keine Integrationsmaßnahmen für diese Gruppe vorgesehen.

In diesem Jahr befinden wir uns im sechszigsten Jahr des Abschlusses des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei. Bürgerinnen und Bürger mit Migrationsgeschichte leben seit 4 Generationen in Deutschland und in NRW. Dennoch dürfen sie zum großen Teil nicht einmal den Bürgermeister ihrer Stadt mitwählen, geschweige denn das politische Geschehen in ihrem Ort mitgestalten.

Deswegen fordern wir neben der ausnahmslosen Ermöglichung der doppelten Staatsbürgerschaft, vor allem erleichterte Einbürgerungsbedingungen für die erste Einwanderergeneration.

Die Würdigung der Lebensleistung der ersten Generation der Arbeitsmigrantinnen und -migranten bedeutet aber auch, sich weiter für eine offene, plurale Gesellschaft einzusetzen; die zweite, dritte, vierte und folgende Generationen als Bürgerinnen und Bürger unseres Landes anzuerkennen; Diskriminierung und Rassismus zu bekämpfen; Chancengerechtigkeit im Bildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt und dem Wohnungsmarkt sowie politische Partizipation zu ermöglichen und kultursensible Altenpflege in unsere Regelsysteme zu integrieren.

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