Für gutes und bezahlbares Wohnen

Ein Interview mit Berit Künnecke, Schauspielerin im Tatort "Die dritte Haut"

von Christian Dahm, .
28. März 2022,

Wir haben im Film etliche Personen gesehen, die wohnungssuchend sind. Haben Sie in Vorbereitung auf Ihre Rolle dazu recherchiert oder sogar selbst Erfahrungen gesammelt?

Ich habe längere Zeit in einem Heim für obdachlose Familien in Berlin gearbeitet, bevor ich den Tatort gemacht habe. Da bin ich mit vielen Familien ins Gespräch gekommen und habe erfahren, dass es oft gar nicht viel braucht, um das Dach über dem Kopf zu verlieren – eine Phase der Arbeitslosigkeit oder Krankheit, eine Trennung. Und es war vor Jahren schon schwierig, für diese Menschen wieder Wohnungen zu finden. Inzwischen ist es fast unmöglich geworden. Für Leute, die ein geringes Einkommen haben oder Hartz IV beziehen oder Aufstocker sind, die Leute haben jetzt auf dem Wohnungsmarkt in Berlin eigentlich keine Chance mehr. Und das ist wirklich tragisch.

Berit Künnecke, Schauspielerin

Der Tatort war in meinen Augen einer der gesellschaftskritischsten Tatorte der letzten Jahre. Aber es ist natürlich ein Film. Ist das Wirklichkeit in Berlin oder wie würden Sie die Wohnungssituation – ich könnte jetzt auch sagen hier in Düsseldorf, in Köln, in Bochum, in Dortmund – beschreiben?

Es ist leider genau so! Ich würde mir wünschen, dass es überzeichnet ist, aber leider ist das die Wirklichkeit. Ich habe es selber miterlebt: Bei einer Freundin wurde über Monate die Erdgeschosswohnung in einem Altbau geflutet, weil die Rohre außerhalb der Wohnung, die das Regenwasser transportieren sollten, zu alt waren und nicht gereinigt wurden. Die Hausverwaltung war nicht zu erreichen. Sie hatte einen Dielenboden, der war ständig aufgequollen und es hat gestunken. Sie ist dann letztendlich aus Berlin weggezogen. Und am Tag, nachdem diese unerreichbare Hausverwaltung die Kündigung bekommen hat, hat sie bei ihr angerufen und nachgefragt, wann sie denn nun den neuen potenziellen Mietern die Wohnung zeigen können. Diese Wohnung wurde innerhalb von einer Woche für 250 Euro mehr vermietet. Also es passiert so. Der Wohnungsmarkt ist wirklich verzweifelt.

Wohnen scheint mir eine der zentralen sozialen Fragen dieses Jahrzehnts zu sein. Die Menschen sorgen sich, sich Wohnraum in der von ihnen bevorzugten Lage nicht mehr leisten zu können.

Bei uns in Berlin-Neukölln sind die Mieten in den letzten zehn Jahren um 146 Prozent gestiegen. Also geht es nicht mehr darum, ein wenig mehr Euros im Monat zu verdienen, sondern sein Einkommen auf Dauer zu verdoppeln, um sich eine Wohnung leisten zu können.

Christian Dahm und Berit Künnecke auf der “Zukunftskonferenz Wohnen” der SPD-Landtagsfraktion

Realität auch in vielen Kommunen Nordrhein-Westfalens. Der Markt alleine wird das nicht regeln, da muss auch der Staat mehr tun. Genau das fordern wir in unserem Leitantrag.

Ich habe lange Zeit in London gelebt und finde, das ist ein wirklich ganz schlechtes Beispiel dafür, was geschieht, wenn sich der Staat oder die Stadt komplett aus der Regulierung des Wohnungsmarkts rauszieht und kein Interesse daran hat, Sozialwohnungen zu bauen. Die Anfänge davon sehe ich nun auch in Berlin. Ich bin da absolut für die Regulierung und ich muss sagen, ich bin auch für den Mietendeckel.

Vielen Dank für das Gespräch.

Ihr Kommentar zum Thema

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar abgeben zu können.