Stell Dich nicht so an!

Mit den Kindern Zeit zu verbringen ist schön! Diese wertvolle Zeit kam im stressigen Alltag vor Corona oft zu kurz. Jetzt hat sich ein anderer Alltag eingestellt. Kein Vergleich zu vorher. Ja, viele Eltern verbringen jetzt mehr Zeit mit ihren Kindern! Und ihnen wird von der Gesellschaft eingeflößt, sie sollen es gefälligst genießen oder schlimmer noch: Aushalten! Einige von ihnen bekommen auch ziemlich einfühlsame Tipps, wie beispielsweise den klugen Hinweis, dass andere Berufsgruppen den ganzen Tag lang dieser Beschäftigung nachgehen.

von Anja Butschkau, .
8. Juni 2020,

Oja, das tun sie! Sie leisten auch einen extrem wichtigen Job. Aber genau hier ist der Knackpunkt. Sie gehen ihrer Arbeit nach. Sie leisten diese Aufgabe nicht einfach mal so nebenbei. Sie müssen nicht gleichzeitig Texte zu inhaltlich diversen Themen verfassen, Kalkulationen abgeben, Präsentationen vorbereiten, an Telefon-/Videokonferenzen teilnehmen und gleichzeitig Fischstäbchen anbraten. Und überhaupt: Seit wann ist denn daraus ein Konkurrenzkampf geworden?

Überfordert Euch und Eure Kinder nicht!

Weil ich gerade mitbekomme, was in einigen Familien so los ist, kann ich nur den Eltern raten, einfach die Nerven zu bewahren. Das ist natürlich leichter gesagt als getan! Ich erinnere mich nur ungern an die Hausaufgabenzeit, sowohl an meine eigene, als auch an die meiner Tochter Nele. Ich weiß nicht, wie häufig ich in dieser Zeit an meinen erzieherischen Fähigkeiten gezweifelt habe. Und heimlich habe ich mich für meine abfälligen Gedanken über das Erziehungsverhalten meiner Kolleg*innen geschämt, wenn sie über ihre Schwierigkeiten bei der Hausaufgabenbetreuung ihrer Kinder berichtet haben. Damals, als ich noch keine Mutter war.

Aber jetzt zurück zu den Hausaufgaben! Spätestens beim Plusquamperfekt, kniffligen Textaufgaben oder Fragen wie „Warum kommt da jetzt ein Komma hin?“, halfen nach dreimaligem Erklären Sprüche wie „weil das so ist“ oder „sei froh, dass Deine Mutter das große Latinum hat“ auch nicht weiter. Überhaupt fiel mir das mit der Geduld bei den Hausaufgaben meiner Tochter echt schwer. Schwierig, die richtige Motivation rüberzubringen, ohne nicht in alte Muster zu verfallen, wie „Du musst das tun, Basta!“

Das hat bei meiner Tochter glücklicherweise nie funktioniert. Und das war auch gut so! Aber dazu vielleicht später mal mehr. Und sind wir doch mal ehrlich: Dass ein Kind eher Lust zum Spielen hat als Schönschreibübungen zu machen, ist doch völlig normal, oder? Was will ich sagen? Ganz einfach: Macht langsam in dieser schwierigen Zeit! Überfordert Euch und Eure Kinder nicht! Und falls es nicht funktioniert mit den Hausaufgaben, sucht den Kontakt zu den LehrerInnen!

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir zurzeit in einer Ausnahmesituation stecken. Aber eine Gesellschaft, in der Gleichstellung gelebte Realität ist, muss krisenfest sein. Krisenfest auch in Gleichstellungsfragen. Klingt alles sehr banal, und doch stellen sich viele Frauen gerade genau diese Fragen. Was ist die verfassungsmäßig verankerte Gleichberechtigung von Mann und Frau eigentlich wert? Stellen wir diese Grundsätze gerade wirklich in Frage und fallen mit voller Wucht in alte Rollenmuster zurück? Ist das gewollt? Oder lässt die Gesellschaft keine andere Schlussfolgerung zu?

Klar, ich gebe zu, das Bild von der strikten Arbeitsteilung von Mann und Frau, er arbeitet und sie kümmert sich um die Kinder und den Haushalt, hat bestimmt für viele Frauen auch einen Anreiz. Es entlastet ungemein! Wer dankt es einem auch? Wir dürfen uns gar nicht wundern, dass viele Frauen aufgrund der Mehrfachbelastung, gepaart von plumpen Idealvorstellungen der Gesellschaft, am Rande eines Nervenzusammenbruchs stehen. Wundern hat auch noch nie geholfen! Wir müssen stattdessen anerkennen und handeln. Zurzeit setzen sich viele private und öffentliche Organisationen für eine tatsächliche Wertschätzung auch nach der Krise ein. Eine Wertschätzung, die sich in Gehalt und Aufstiegschancen widerspiegelt. In einer paritätischen Arbeitsteilung, Kinderbetreuung und Carearbeit. Ich frage mich oft, woran die Umsetzung dieser Selbstverständlichkeiten scheitert. Einen Hebel könnten wir an der Stärkung der politischen Mitbestimmung von Frauen drehen. Mir ist bewusst, dass damit eine weitere Belastung für die Frauen hinzukommt.  

Und noch eins ist meiner Erfahrung nach wichtig: Solidarität zwischen den Frauen. Wir müssen uns gegenseitig wertschätzen und uns nicht mit vorwurfsvollen Blicken strafen, wenn Krümel im Kinderwagen zu sehen sind.

In einigen Diskussionen über dieses Thema wurde ich oft gefragt, wie ich das meine und ob ich keine anderen Sorgen hätte. Macht nichts! Gebt mir zwei Minuten und ich werde es Euch gerne erläutern.

Genau wie Ihr versuche ich im Moment viele Informationen rund um das Virus zu erhalten. Ich lausche angestrengt den Meinungen der Experten, verfolge die Ausführungen der Ministerpräsidenten und bewundere die Arbeitsleistung der Verkäuferinnen, Altenpflegerinnen, Erzieherinnen und Krankenschwestern. Ist Euch etwas aufgefallen?

Genau! Meine Aufzählung ist nicht gegendert. Und das nicht, weil ich derartige Fragestellungen wie unser Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder für Gedöns halte, sondern weil sie meiner Meinung nach die derzeitige gesellschaftliche Situation darstellen. Keine Sorge, ich weiß, dass wir zum Glück Malu Dreyer und Manuela Schwesig als Ministerpräsidentinnen haben und eine Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und die Infektologin Prof. Marylyn Addo.

Die Repräsentanten der Macht sind männlich

Aber viel mehr Frauen fallen mir in den derzeitigen Diskussionen als Repräsentantinnen der Macht auch nicht ein. Dagegen stehen dann die Männer: Politiker wie Olaf Scholz, Jens Spahn, Armin Laschet, Markus Söder und Wissenschaftler wie Prof. Hendrik Streeck, Prof. Christian Drosten oder Ökonomen wie Prof. Clemens Fuest.

Anders sieht es in den sogenannten systemrelevanten Berufen aus. Immer dann, wenn es darum geht, stehen die Frauen im Vordergrund: Sei es an der Supermarktkasse, in der Alten- und Krankenpflege, in den Kitas. Schade nur, dass sich diese Systemrelevanz nicht in der Bezahlung der Tätigkeiten niederschlägt. Und niedriger Lohn heute, bedeutet leider viel zu häufig Altersarmut morgen.

Ja, und ich hatte schon Hoffnung: Hoffnung, dass sich nach all den feministischen Debatten der letzten Jahre etwas verändert hat in den Chefetagen. Aber leider scheint es nicht so zu sein. Sind doch die interviewten Politiker und Ökonomen männlich, genauso wie die Chefärzte von Kliniken und Pflegeeinrichtungen und erst recht die Chefs der wissenschaftlichen Einrichtungen.

Und da gibt es immer noch Stimmen, die behaupten, wir brauchen keine gesetzlichen Quoten, um eine Gleichberechtigung in den Chefetagen hinzukriegen? Kann ja auch sein, dass das alles Zufall war mit der Auswahl der Interviewpartner*innen.

Ihr Kommentar zum Thema

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar abgeben zu können.