Gastbeitrag: Radverkehrsnetze schnell realisieren

Wir wollen, dass das Radfahren in Nordrhein-Westfalen zu einer echten Alternative zum Auto wird. Wir, das ist der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club, dessen Bundesvorsitzender ich bin. Ich bin der Meinung: Das Fahrrad soll in Zukunft vor allem bei der alltäglichen Mobilität eine größere Rolle spielen, so wie es jetzt schon in der Freizeit oder beim Radtourismus der Fall ist. Bis dahin gibt es noch Einiges zu tun. Ganz oben auf unserer To-Do-Liste steht der Ausbau der Radinfrastruktur.

von Ulrich Syberg, Bundesvorsitzender Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club e.V. (ADFC).
16. September 2020,

Die Corona-Pandemie hat sich unmittelbar auf unser Mobilitätsverhalten ausgewirkt. Autos wurden viel weniger genutzt, Busse und Bahnen waren weitgehend leer und sind es teilweise heute noch. Weniger Autos auf den Straßen bedeuten mehr Platz – und plötzlich konnte ich meine täglichen Wege in Herne mit dem Rad deutlich entspannter zurücklegen. Bis heute nutzen die Menschen vermehrt Fahrräder mit und ohne Elektromotor, Fahrradläden sind leergekauft. Corona zeigt aber auch: Es gibt immer noch Lücken in den Radverkehrsnetzen, die wir so dringend benötigen.


Gute Radwege sind entscheidend


Die Voraussetzung für eine Mobilitätswende: Eine moderne und sichere Fahrradinfrastruktur. Nur wenn die Menschen sich auf dem Rad wohl fühlen, werden sie dauerhaft auf das Auto verzichten. Kommunen und Städte in NRW müssen daher mehr Platz für Menschen auf Fahrrädern schaffen. New York, Paris, Brüssel und Mailand – um nur wenige Beispiele zu nennen – haben das bereits erkannt und Pkw-Fahrspuren in temporäre Radspuren umgewandelt, um den öffentlichen Nahverkehr sowie enge Geh- und Radwege zu entlasten. Und auch die Bundesregierung möchte den Ausbau von hochwertigen Radverkehrsnetzen im Rahmen des Klimapakets fördern, damit „jeder Weg mit dem Fahrrad zurücklegbar“ wird.

Ein alltagstaugliches Radnetz orientiert sich am Leben vor Ort und ist dabei so durchgängig und engmaschig, dass Menschen ihre wichtigen Ziele wie Schulen, Bürgerämter und Rathäuser, Krankenhäuser oder Geschäfte direkt ansteuern können. Auch die Qualität der Routen spielt eine wichtige Rolle. Dazu gehört die räumliche Trennung von Rad- und Kfz-Verkehr auf viel befahrenen und auf Tempo 50-Straßen. Bei Nebenstraßen sind Fahrradstraßen und Straßen mit reduziertem Kfz-Verkehr oder Geschwindigkeitsbegrenzungen ideal für das Netz.

Kurzfristige Maßnahmen wie temporäre Radfahrstreifen, Fahrradstraßen und verkehrsberuhigte Stadtviertel lassen sich einfach errichten und helfen, die Lücken im Radverkehrsnetz zu schließen. Aus diesen zeitweiligen Maßnahmen können später dauerhafte gemacht werden. Die Routen im Netz sind durch ihre einheitliche Infrastruktur, Gestaltung und Beschilderung gut zu erkennen. Auch ein ausreichendes Angebot an Fahrradabstellanlagen gehört zu einem durchdachten Radverkehrsnetz.

In unserer Heimat NRW sind die radtouristischen Routen erfolgreich, die Menschen nehmen sie sehr gut an. Die Routen haben oft eine gute Qualität, die die Planerinnen und Planer als Beispiel beim Netzausbau heranziehen können. Diese Synergien lassen sich nutzen, um vor Ort den Tourismus zu stärken und gleichzeitig als Kommune attraktiver zu werden und Alltagswege fahrradfreundlicher zu gestalten.


Mobilität neu denken


Wir vom ADFC wollen die Mobilität in den kommenden Jahren neu denken und verändern. Wir müssen weg von der autozentrierten Sichtweise der 1960er-Jahre hin zu einer modernen, auf Mensch und die Umwelt ausgerichteten Sichtweise: mehr Zu-Fuß-Gehen, mehr Radfahren, mehr Bus und Bahnen, mehr Sharing-Angebote in Ergänzung zum Auto. Natürlich möchte ich niemandem vorschreiben, wie sie oder er sich bewegen soll. Aber ich möchte dazu beitragen, dass Kommunen, Bezirke und Länder die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Menschen die Möglichkeit haben, sich so fortzubewegen, wie sie es möchten. Die Förderung von nachhaltigen Verkehrslösungen durch Städte und Kommunen ist dabei ein entscheidender Meilenstein.


Qualitätskriterien


Gute Radverkehrsnetze

  • sind engmaschig, lückenlos und ohne Unterbrechung befahrbar,
  • verbinden ohne Umwege und logisch alle wichtige Ziele im Ort (Schulen, Bürgerämter, Geschäfte, etc.),
  • verbinden Vororte nicht nur durch die Innenstadt, sondern auch untereinander (Spinnennetz-Prinzip),
  • haben klar ausgeschilderte Routen und sind als Radverkehrsnetz erkennbar,
  • erteilen dem Radverkehr Vorrang gegenüber dem Autoverkehr,
  • trennen Rad- und Kfz-Verkehr bei hohen Geschwindigkeiten (>Tempo 30) und setzen auf sichere Kreuzungen,
  • sind verkehrssicher und werden von allen Bevölkerungsgruppen auch so wahrgenommen,
  • haben eine hohe und einheitliche Qualität, die zum Radfahren einlädt,
  • sind gut mit wichtigen Haltepunkten des ÖPNV verknüpft und
  • bieten Radfahrenden eine stressarme, bequeme und hürdenfreie Fahrt.

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