Öffnet Zoos, Museen, Wälder

Gut möglich, dass Sie den Fall kennen: Eine junge Mutter ist verzweifelt. Ihre Chefin will, dass sie ihr Home-Office beendet und wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt. Ihrem Mann geht es nicht anders. Doch wer soll sich jetzt um ihre Tochter kümmern? Muss einer von beiden jetzt den Job aufgeben, zumindest Stunden reduzieren? Und wer wird das angesichts der Gehaltsunterschiede wohl sein?

von Thomas Kutschaty, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Landtag NRW.
31. Mai 2020,

Die Familien in Nordrhein-Westfalen leben noch immer im Ausnahmezustand. Die Regierung von Armin Laschet hat beherzt Lockerungen für Möbelhäuser, Fitnessstudios  und Bundesligavereine durchgesetzt, aber nur wenige Erleichterungen für berufstätige Eltern. Es wird Zeit, die Prioritäten zurechtzurücken. Mehr noch: Wir müssen verhindern, dass eine Generation von „Corona-Kindern“ mit Bildungslücken entsteht, die schlechtere Berufs- und Lebenschancen hat.

Was ist jetzt zu tun? Ab Juni sollten wieder alle Kinder bis 12 Jahren ein tägliches Betreuungs- und Bildungsangebot von mindestens 30 Stunden die Woche erhalten. Was in der Kita möglich ist, sollte doch auch in der Schule möglich sein. Das gilt vor allem auch für die Ferien! Aber woher nehmen wir unter Pandemiebedingungen die Räume und das Personal? NRW hat eine sagenhaft vielfältige Kultur- und Bildungslandschaft. Nutzen wir sie! Musik-, Museums- und Naturpädagoginnen bieten einen Schatz an Wissen und Perspektiven. Öffnen wir Zoos, Museen und Wälder für die Betreuung unserer Kinder und erschließen so neue Bildungswelten.

Dazu ist die Bereitschaft und Akzeptanz des Personals natürlich Grundvoraussetzung. Wenn regelmäßige Tests in der Bundesliga kein Problem sind, dürfen sie es für unsere Beschäftigten im Bildungsbereich erst recht nicht sein. Die Vorschläge der Kinderärzte liegen auf dem Tisch.

Gleichzeitig muss ein Konzept her, dass das Bildungsniveau sichert. Viele Eltern fragen sich, ob ihre Töchter und Söhne in den letzten Monaten etwas Substanzielles gelernt haben. Welche Folgen wird der monatelange Unterrichtsausfall für Kinder haben, die am Übergang zu weiterführenden Schulen stehen? Werden sie dort mithalten können? Was haben die Jugendlichen verpasst, die im nächsten Jahr ihren Abschluss machen wollen? Und wer hat einen Blick auf die jungen Menschen, die kein bildungsförderndes zuhause haben?

Das nächste Schuljahr muss mit der Gewissheit starten, dass kein Kind ein Nachteil zu befürchten hat. Deshalb müssen über den Sommer die Rahmenlehrpläne angepasst werden. Die Kinder in den dritten und vierten Klassen müssen im kommenden Schuljahr genug Zeit haben, um das zu lernen, was sie für einen erfolgreichen Übergang auf die weiterführenden Schulen unbedingt brauchen. Das Gleiche gilt auch für alle Schülerinnen und Schüler, die vor ihrem Abschluss stehen und bestmöglich auf den Start ins Ausbildungs- und Berufsleben vorbereitet werden müssen. Darüber hinaus sollte auch die Möglichkeit geprüft werden, auch in den gymnasialen Jahrgängen 8 und 9 auf G9 zu wechseln. Das Angebot für ein zusätzliches Jahr würde vielen eine Sorge nehmen.

Angesichts der offenkundigen Lücken in der Digitalisierung unserer Schulen muss es ab dem kommenden Schuljahr in Ergänzung zum Präsenzunterricht eine Garantie auf digitalen Unterricht geben. Nordrhein-Westfalen muss dazu verbindliche Standards für digitales Lernen setzen – sowohl technisch als auch inhaltlich. Es geht um verlässliche Regeln für Videoplattformen, Software und Hardware, nicht zuletzt um Fortbildung der Lehrkräfte für die digitale Unterrichtsgestaltung. All das muss nicht neu erfunden werden. Viele Schulen in NRW arbeiten schon lange erfolgreich mit digitalen Lehrkonzepten, davon können alle Schulen lernen.

Gemeinsam mit den Kommunen und beschleunigten Vergaberegeln könnte es gelingen, unsere Schulen bis zum Herbst mit der notwendigen Hard- und Software auszustatten. Digitale Endgeräte sollten kurzfristig wie Schulbücher Teil der Lernmittel sein. Es wäre gut angelegtes Geld: Generationengerechtigkeit par excellence.

Kurzum: Mit Mut und Kreativität können wir nicht nur den Ausnahmezustand für Familien beenden. Wir können die Pandemie auch für einen Modernisierungsschub für unsere Schulen nutzen. Worauf warten wir noch?

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