Elisabeth Nüchtern – Das Bunte muss ins Eckige

„Mehr Rot“, unter diesem Titel steht die Ausstellung im Foyer der SPD-Landtagsfraktion NRW, die der Mönchengladbacher SPD-Landtagsabgeordneten Hans-Willi Körfges nach Düsseldorf geholt hat. Die in Karlsruhe lebenden Künstlerin und Sozialmedizinerin Dr. Elisabeth Nüchtern kreierte diese Ausstellung mit einer augenzwinkernden Verbeugung vor der Grand Old Lady SPD und als Selbstaufforderung: Bisher war Blau ihre vorherrschende Hintergrundfarbe.

von Hans-Willi Körfges, Mönchengladbach.
20. November 2020,

Markenzeichen von Nüchterns Werken sind geometrische Formen, dargestellt in kraftvollen Farben. So titelte der Wasmuth-Verlag im Jahre 2010: “Elisabeth Nüchtern: Das Bunte muss ins Eckige”.

“Es fasziniert mich, mit wie wenigen Formen und Farben spezifische Eindrücke erzeugt werden können, die Kopf oder Herz der Betrachter anregen – so wie aus wenigen Tönen die unterschiedlichste Musik komponiert werden kann”, so Elisabeth Nüchtern. „Weniger ist mehr“ steht daher als zweites Motto über ihren Werken.

Seit den 1980er Jahren schuf Elisabeth Nüchtern Collagen, Acryl- und Ölbilder, seit Anfang der 2000er Jahre arbeitet sie ganz überwiegend in Öl auf Leinwand. In Bilderzyklen thematisierte sie Frauenbilder, Gesichter, Konstruktion und Bewegung, Räume, Schriftzeichen, zuletzt Gräser, die Formen nur fragil andeuten. Den äußeren Anstoß geben Eindrücke aus der Natur, Architektur, Fotografien, Texte und Kunstwerke anderer.

Noch bis zum 2. Februar 2021 werden die zahlreichen Ölgemälde und Collagen im Landtags-Foyer der SPD präsentiert und werden den einen oder anderen beeindrucken und vielleicht zum Nachdenken bringen.

Auch wenn Farben und Formen Stimmungen und Gefühle hervorrufen, bleiben Sie beim Betrachten doch frei: Was Sie in den Bildern sehen, liegt an und in Ihnen. Wir wünschen Ihnen dabei viel Freude und dass Sie in der Ausstellung mehr als die Farbe Rot entdecken.

Leider ist ein Besuch des Landtages momentan nur als Einzelbesucher im Rahmen eines Besuchs des Plenums oder von Ausschusssitzungen möglich, so dass die Ausstellung nicht wie sonst üblich besucht werden kann. Daher können Sie an dieser Stelle die Bilder digital betrachten.

Für ihre Ausstellung im Landtagsgebäude in Düsseldorf im Foyer der SPD-Landtagsfraktion NRW erstellte Elisabeth Nüchtern für den Eingangsbereich drei großformatige Bilder „Vom Dreieck zur Linie“, auf denen 4 bzw. 5 spitz zulaufende Linien einen intensiven Eindruck von Bewegung vermitteln: „Rot steigt hoch“ – „Rot kreuzt“ und „Rot trifft“ – in ein aus den Linien angedeutetes Fenster.

Zwischen die Fenster zum Rhein platzierte sie als aufsteigende Bewegung 3 monochrome Quadrate, die die Farben von NRW aufnehmen und durch die Vertikale die Raumhöhe unterstreichen, während das „gekippte“ mittlere Quadrat auf den draußen waagrecht vorbeifließenden Rhein weist.

Mit der Bildergruppe „Falling wall“ und „Brücken verbinden“ neben dem Fenster zum Rhein, gefolgt von „Door opening“ greift sie im Landtag das Thema Kommunikation auf. In den Dreiecken des folgenden Bildes „Ausgebreitet“ mag der eine Betrachter eine Landschaft, ein anderer vielleicht eine liegende weibliche Figur sehen.

Das Bild „Mehr Rot!“ gab der Ausstellung den Titel. Ein verschwindend kleines rotes Quadrat ist darauf zu sehen. Auf dem begleitenden Bild „Punto nero“ (schwarzer Punkt) ist die rote Fläche deutlich gewachsen.

„Letters lost“ (Verlorene Buchstaben), aus zwei Tafeln à 50 x 150 cm zusammengesetzt, bezieht sich auf die Gedichtzeilen von Ingeborg Bachmann: „In die Mulde meiner Stummheit / leg ein Wort / und zieh Wälder groß zu beiden Seiten / dass mein Mund / ganz im Schatten liegt“. Von den Umrissen dieser Worte scheint nur jeder zweite Buchstabe als farbiges Quadrat oder Rechteck in den Zeilen des Bildes auf. Die Bitte um das rechte Wort schien der Künstlerin in einem Parlament am passenden Ort.

„Aufwärts“, so ist das Arrangement aus einfarbig roten Leinwänden betitelt, das auf der anderen Seite des Saals leicht vom Wind bewegt wird. Zwei stilisierte Personen und ein Ausrufezeichen können darin gesehen werden. Die Farbe Rot und die Aufwärtsbewegung drücken Optimismus aus.

Zuversicht strahlt auch das Bild „Avanti“ (Vorwärts) auf der anderen Seite der Tür aus. Die Konturen von vier farbigen Rechtecken können darauf als eine entschlossen ausschreitende menschliche Figur interpretiert werden.

Die anschließende Reihe von konstruktivistischen Ölbildern stammt z.T. aus dem Jahr 2009. Die farbigen Kombinationen lassen der Phantasie freien Raum.

Die ältesten Exponate der Ausstellung sind die beiden Bilder „Quadrat-Wendung“ aus dem Jahr 2006. Ein Farbenwald aus sehr länglich in die Senkrechte gestreckten Quadraten trifft auf breitere, liegende Streifen. Das Spiel von Licht und Dunkel ist hier farbig gestaltet.

Die Collagen „Quadratur des Kreises“ und „Colour vanishing“ (Farbenflucht) sind als Beispiele für die Technik der Collage in die Ausstellung aufgenommen.

Auf zwei Staffeleien erinnern ein Bild an den antiken Paris, der zwischen Macht, Weisheit und der schönsten Frau zu wählen hatte und sich für letztere entschied; sein Gesicht ist rot. Das Bild MDK-Landschaft spielt mit dem Logo des MDK, des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung, bei dem Elisabeth Nüchtern tätig war.

Ein Dutzend Kleinformate, je 40 x 40 cm klein, zeigt die eher spielerische Seite der Künstlerin. Es sind Menschen stilisiert: eine „kleine, alte Frau“, ein größerer Mann („Träumt in Rot“), eine „Schreitende“ und ein „Stehender“ und zweimal ein Gesicht „Die Augen rot geweint“. Die Bilder „Schweigend ins Gespräch vertieft“, „Im Inneren des Quadrats“ und „Die ganze Welt scheint rot“ (Else Lasker-Schüler) gelten dem Thema Räume. „Die Blume Rot“ greift den Ausstellungstitel auf, und einer stilisierten Landschaft am Niederrhein stellt die Karlsruherin eine Allee am Oberrhein gegenüber.

„Traue nicht deinen Augen, traue deinen Ohren nicht. Du siehst Dunkel, vielleicht ist es Licht.“ Diese Zeilen von Brecht sind in diesem Bild in ihren Umrissen in farbige Rechtecke „übersetzt“. So funkeln sie selbst vor dem dunklen Blau – ein Bild der Hoffnung in dunklen Coronazeiten?

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